Die sozialen Dilemmata im organisierten Amateurfunk

Im nachfolgenden Artikel nehme ich mein Recht auf freie Meinungsäußerung gem. Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG) sowie das Zitatrecht gem. § 51 Urheberrechtsgesetz (UhRG) wahr.

Was ist eine Meinung? Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen und das soll sie auch!


In überalterten Vereinen verdichten sich allgemeine demografische und kulturelle Wandlungsprozesse in einer spezifischen sozialen Mikrowelt. Überalterung verstärkt in Vereinen typische soziale Dilemmata. Viele profitieren noch von Leistungen des Vereins, aber immer weniger, vor allem jüngere, sind bereit oder überhaupt vorhanden, um Verantwortung zu übernehmen.

Vereine verlieren so ihre Aufgabe als Intermediär zwischen Mitgliedern und Gesellschaft und verkommen zu einer Lobby der Älteren.

Überalterte Vereine sind dadurch gekennzeichnet, dass der Großteil der Mitglieder im höheren Lebensalter ist, während nur wenige Jüngere nachrücken. Dadurch verschiebt sich das Macht- und Entscheidungszentrum hin zu den älteren Kohorten, die ihre Ämter oft über sehr lange Zeiträume besetzen und damit eine institutionelle Trägheit erzeugen. Die Rekrutierung und Integration jüngerer Mitglieder wird dadurch erschwert (... wenn nicht gar unmöglich gemacht ...), weil Netzwerke, Routinen und Kommunikationsformen überwiegend auf die Lebenslage und Bedürfnisse der Älteren zugeschnitten sind.

Das bleibt bei den neuen und jüngeren Funkamateuren (DN9) ganz sicher nicht unbemerkt!


Picture KI generated - Der überalterte Verein

Soziologisch zentral ist auch der „Kampf um Anerkennung“ zwischen den Generationen innerhalb so einer alternden Organisation.

Nur noch die älteren Mitglieder definieren Normen, Traditionen und Symbole des Vereinslebens und sichern darüber ihren Status, was Innovationen und alternative Deutungen Jüngerer häufig als Bedrohung erscheinen lässt. Jüngere erleben den Verein dann nicht als offenen Lern- und Beteiligungsraum, sondern als geschlossene Chancenstruktur (... die berühmte DARC e.V. Blase ...), in der Aufstieg und Mitgestaltung fast ausschließlich durch die Älteren reguliert wird .

In überalterten Vereinen verdichten sich gesellschaftliche Altersbilder, einerseits zum Bild des „aktiven Alters“, das Engagement, Erfahrung und Verantwortungsübernahme betont, andererseits defizitorientierte Vorstellungen von Alter als Rückzug und Verfall. Vereine (... so wie der DARC e.V. ...) können so zu Seniorenkulturen werden, in denen kulturelle Praktiken und Deutungen primär an die biografischen Erfahrungen der älteren Generation rückgebunden sind und andere Lebensstile marginalisiert werden.

Nirgendwo ist mir das bis heute deutlicher aufgefallen als im Amateurfunk!

Dies erzeugt eine starke und gleichzeitig gefährliche Binnenidentität und Solidarität unter den Älteren, geht oft mit einer Abgrenzung gegenüber den Jungen und deren kulturellen Formen einher, so wie ich es selbst auch mehrfach in verschiedenen DARC e.V. Ortsverbänden erleben musste.

Ein hausgemachtes und vermutlich nicht mehr zu lösendes Problem. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von einer Herausforderung, sondern bewusst von einem massiven Problem, für das es als Lösung vermutlich nur die Auflösung des DARC e.V und damit verbunden einen vollständigen Neuanfang (Aufbau paralleler und moderner Strukturen) im Amateurfunk gibt.

Vereine erfüllen für ihre Mitglieder grundsätzlich wichtige Funktionen sozialer Integration, etwa durch stabile Kontakte, Anerkennung und sinnstiftende Aufgaben. Gleichzeitig besteht aber immer die Gefahr, dass sie zu exklusiven Milieus werden, die gesellschaftliche Pluralität, in Bezug auf Alter, Geschlecht, Herkunft oder Lebensstil, nur unzureichend widerspiegeln. In einer alternden Gesellschaft verschärft dies die Frage, ob zivilgesellschaftliche Organisationen zur Brücke zwischen den Generationen werden oder bestehende Spaltungen eher reproduzieren.

In den kennengelernten DARC e.V. Ortsverbänden hatte ich immer den Eindruck, dass bestehende Spaltungen durch die Älteren eher reproduziert werden und sie dabei auch noch Unterstützung durch übergeordnete Strukturen erfuhren. Nie war da zu erkennen, dass man sich wirklich um gesellschaftliche Pluralität oder Modernisierung bemühte.

Soziologisch interessant ist schließlich noch die Spannung zwischen Erneuerungsdruck und Beharrungskraft.

Überalterte Vereine, so wie der DARC e.V., stehen enorm unter organisatorischem Zwang, sich verjüngen zu müssen, um zu überleben, doch genau diese Verjüngung stellt die etablierten Rollen, Hierarchien und Anerkennungsordnungen immer infrage. Studien zeigen, dass nicht primär kognitive Leistungsdefizite, sondern sozialmoralische Widerstände älterer Funktionseliten interne Reformen massiv blockieren, etwa wenn neue Ideen als Infragestellung der eigenen biografischen Leistungserzählungen erlebt werden.


Picture KI generated - Binnenidentität unter den Älteren

Damit werden überalterte Vereine aber auch zu Laboratorien und Experimenten, in denen sich im Kleinen zentrale Fragen der modernen, demografisch alternden Gesellschaft widerspiegeln. Wie wird Macht zwischen Generationen verteilt, wie werden Altersrollen ausgehandelt, und unter welchen Bedingungen gelingt ein solidarischer, wechselseitig anerkennender Umgang?

Kommt das vielen Funkamateuren in ihrem DARC e.V. Ortsverband oder auch in den wenigen verbliebenen und gesteuerten DARC e.V. OV Runden vielleicht bekannt vor?

Wenn ja, dann wurde das primäre Problem des Amateurfunks und insbesondere des Bundesverbands für den Amateurfunk folgerichtig erkannt. Die Generallösung aus der Schublade habe ich auch nicht, aber gerade die älteren Funkamateure unter uns, die sich im vorab Geschriebenen wiederfinden, sollten sich dieser selbst herbeigeführten und aus Eigeninteresse immer noch aufrechterhaltenen Problematik bewusst werden und endlich entsprechend handeln. Tun sie aber nicht, der Leidensdruck ist wohl noch zu gering und Konsequenzen hat ja niemand zu befürchten.

Leider ist in den meisten Fällen nicht ansatzweise ein Einsehen zu erkennen, manche der DARC e.V. Funktionsträger kleben nicht nur auf ihrem Funktionsstuhl, sie sind mit ihm regelrecht verwachsen.

Viele Jüngere reagieren auf die vorherrschenden und überalterten Strukturen im Amateurfunk vor allem deshalb mit Distanz und Desinteresse, sie treten gar nicht erst in einen Verein ein oder bleiben nur als distanzierte Konsumenten des bestehenden Angebots, ohne jemals Funktionen zu übernehmen. Viele wären dazu aber durchaus bereit, wenn sie denn ernsthaft einbezogen würden und eigene Ideen umsetzen könnten, statt nur die bestehenden Routinen und traditionellen Rituale der alten Eliten zu verwalten.

"Du kannst hier gern mitmachen und bist herzlich willkommen, wenn Du das machst was wir dir sagen" ist aber der übliche Tenor!


Picture KI generated - Funkftionsträger klebt an seinem Stuhl

Ämter sollten grundsätzlich auf mehrere Schultern verteilt und zeitlich begrenzt werden, damit Engagement auch überschaubar bleibt. Junge Mitglieder sollten bewusst in Entscheidungsrunden geholt und ihnen sichtbare Gestaltungsspielräume gegeben werden. Dabei reicht es aber auch nicht aus nur so zu tun als ob man die jüngere Generation, z.B. durch die Bereitstellung moderner Kommunikationsmöglichkeiten (Matrix, Mastodon und Facebook), wirklich in die Vereinsarbeit einbinden und sie daran beteiligen würde.

Echte Einbindung und demokratische Mitwirkung sieht ganz anders aus!

Davon ist man in den traditionellen und hierarchischen Strukturen des Bundesverbands für den Amateurfunk (DARC e.V.) noch meilenweit entfernt. Wohl denen, die diese Problematik erkannt und oft schon entsprechend reagiert haben, durch Distanz, Neuanfang oder eigenständige Initiativen.

vy 73 de Jürgen
DL6WAB

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