Amateurfunk in Not- und Katatstrophenfällen - AiNuK©

Um es gleich klarzustellen, ich bin ausdrücklich pro Hilfe im Notfall und würde in Not- und Krisensituationen natürlich im Rahmen meiner Möglichkeiten als Funkamateur helfen wo und wann immer es geht. Den Umfang, den Einsatzort und die Dauer dieser Hilfe möchte ich aber selbst bestimmen, schließlich habe ich auch eine Familie, die in Not- und Krisensituationen auch meine Unterstützung erwartet.

Vorweg, es gibt keinen offiziellen "NOTFUNK"!

Als "Notfunk" bezeichnet man landläufig den Funkbetrieb, mit dem Funkamateure im Rahmen ihrer Kommunikationsmöglichkeiten in Not- und Katastrophensituationen Hilfe leisten können und dürfen. Funkamateure dürfen in Ausnahmesituationen insbesondere empfangene Notrufe von und an Dritte weiterleiten.

Seit es den Amaterfunk gibt, gibt es auch Bestrebungen, in Not- und Katastrophenfällen mit dem eigenen Equipment als Funkamateur helfen zu wollen um die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. In den Anfangszeiten des Amateurfunkdienstes in Deutschland war das vielleicht auch noch erforderlich, weil die Hilfsorganisationen (DRK, THW, Feuerwehr usw.) auf eine solche Unterstützung evtl. angewiesen waren. Diese Zeiten sind aber schon lange vorbei und die Verantwortlichen sollten einsehen, dass sich diese Nische im 21. Jahrhundert nicht mehr besetzen lässt.

Was sich dann in den vergangenen Jahren im "Notfunk" entwickelte (abspielte), war mindestens ebenso kurios wie realitätsfremd. Das Ahrtal hat es eindrucksvoll gezeigt, "Notfunk" durch Funkamateure war nicht gefragt. Mittlerweile würde ich den Begriff "Notfunk" schon als inflationär und verbrannt bezeichnen wollen. Warum ist das so?

Die Erklärung ist relativ einfach. Erstens, weil es überhaupt keinen "Notfunk" gibt und zweitens, weil sich im Laufe der Zeit so viele selbsternannte Notfunkgruppen, Notfunkvereine, Notfunkforen und Notfunkverantwortliche (Notfunkman links im Bild) gebildet und selbst ernannt haben, dass man völlig den Überblick verloren hat, insbesondere im Notfall. Das erste Argument scheint mir aber am wichtigsten, für "Notfunk" gibt es überhaupt keine rechtliche Grundlage! Die Möglichkeit die den Funkamateuren eingeräumt wird, im Not- und Katastrophenfall Nachrichten von und an Dritte zu übermitteln, ist nicht mehr als eine Ausnahme von der Regel aber keinesfalls eine rechtliche Grundlage für "Notfunk".

Irgendwie erinnert mich das alles an eine Zeit, wo CB Funk äußerst populär war und dutzende selbsternannte "CB Bundesverbände mit ihren Präsidenten" um die Gunst der CB Funker buhlten. Was daraus geworden ist wissen wir alle, es gibt sie nicht mehr!

Warum ist mir dieses Thema so wichtig?

Weil ich im DARC e.V. organisierter und aktiver Funkamateur bin und alles was von Funkamateuren in der Öffentlichkeit angeboten bzw. geleistet wird, wird auch von ihr wahrgenommen und bewertet. Das betrifft auch insbesondere "Notfunkübungen", die gern in den Medien dargestellt und ausgeschlachtet werden. So zuletzt auch in Mecklenburg-Vorpommern. Da ist es doch Funkamateuren gelungen, eine Nachricht fehlerfrei über 150 km zu übermitteln, Wahnsinn! Das sich aus dieser "Notfunkübung" eine Rahmenvereinbarung mit dem DARC e.V. ergeben würde, wird nun nicht mehr ganz so lautstark kommuniziert, fürchtet man etwa Kritik? Inhalt dieser Rahmenvereinbarung zwischen dem DARC e.V. und dem Land Mecklenburg-Vorpommern ist eine Verpflichtung der Funkamateure, sich in Not- und Katastrophenfällen anfordern zu lassen und Notfallkommunikation zu gewährleisten. Dazu sollen Dienstpläne ausgearbeitet werden, wie bitte?

Eine sehr schöne und realistische Einschätzung zu diesem Thema findet sich auch unter: https://www.dl4no.de/thema/dasneued.htm Diesen Einschätzungen kann ich nur voll zustimmen!

Das Ahrtal hat es gezeigt, Theorie und Praxis liegen beim "Notfunk" meilenweit auseinander! Mir ist nicht ansatzweise klar, wie Funkamateure diese nun schriftlich vereinbarten Verpflichtungen erfüllen wollen?

Zum Fall im Ahrtal schreibt die AG Kritis

Nach Auskunft der einsatzleitenden Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier waren im Ahrtal keine konkreten Hilfsangebote zur Kommunikations-Unterstützung durch Funkamateure eingegangen [70].

Quelle: https://ag.kritis.info/2022/02/15/und-wenn-der-digitale-behoerdenfunk-doch-ausfaellt/

Deshalb ist es besonders jetzt sehr wichtig, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich in der Öffentlichkeit und bei der Politik nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen und Erwartungen zu erzeugen, die wir Funkamateure personell überhaupt nicht bedienen können. Die Technik ist dabei sicher nicht das Problem, die Teilnehmer (Mitglieder) sind es!

Anzeige in der "Schwäbischen"

"Wenn sonst nichts mehr geht, kümmern sich die Amateurfunker um die Kommunikation", so die Überschrift der "Schwäbischen" (Friedrichshafen). Da hat doch Airbus dieses fragliche Notfunkunterfangen mit einem FORD Pickup F550 "Super Duty" mit Aufbau gesponsort. Ok, zu verdanken ist das einem Funkamateur, der auch bei Airbus arbeitet und seinen Arbeitgeber vermutlich dazu "genötigt" hat. Wenn man sich die Aufmachung des Artikels ansieht wird schnell klar, um was es wirklich geht. Da steht er, der Funkamateur als Macher mit seinem "Krümel". Es ist als DARC Mitglied schon peinlich, wenn Funkamateure sich persönlich und auf Kosten anderer (Bürger in Notsituationen) so in Szene setzen und eine Erwartungshaltung bei der Bevölkerung erzeugen, die in der Fläche weder mit Material noch mit Personal durch Funkamateure (die nicht bei Airbus arbeiten) zu gewährleisten ist. Hauptsache die großen Jungs haben ihr persönliches Spielzeug und erwecken Eindruck! Ähnlichkeiten mit dem "Notfunkman" sind rein zufällig!

Meine persönliche Sicht auf das Thema "Notfunk"

Was sind die gesetzliche Grundlagen für den Amateurfunkdienst?

Wann wird der Amateurfunkdienst u.a. wahrgenommen?

Die Antwort steht im § 2 Nr. 2 AFuG

...  zur Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen wahrgenommen wird;

  • zur Unterstützung (Hier ist nicht spezifiziert wer und wie unterstützt werden soll. Vermutlich Personen in Not.)
  • von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen (Also, in allen Notsituationen wo Hilfe erforderlich ist!)

Ist oder wird der der Amateurfunkdienst im Notfall zu einem Sicherheitsfunkdienst?

§ 2 Abs. 2 letzter Satz AFuG

Der Amateurfunkdienst und der Amateurfunkdienst über Satelliten sind keine Sicherheitsfunkdienste.

Ein Sicherheitsfunkdienst (englisch safety service) ist entsprechend Artikel 1.59 der Vollzugsordnung für den Funkdienst (VO Funk) der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) definiert als "jeder Funkdienst, der ständig oder vorübergehend wahrgenommen wird, um die Sicherheit des menschlichen Lebens und den Schutz von Sachwerten zu gewährleisten." Und deshalb wird der Amateurfunkdienst, auch nicht in Hilfs- und Katastrophenfällen, zum Sicherheitsfunkdienst.

Quelle: Wikipedia

Hiervon gibt es keine Ausnahme, auch nicht im Notfall!

Darf Amateurfunkverkehr verschlüsselt werden?

Nein, dass darf er ausdrücklich nicht! In der Amateurfunkverordnung wird ausgeführt:

§ 16 Abs. 8 AFuV

8) Amateurfunkverkehr darf nicht zur Verschleierung des Inhalts verschlüsselt werden; ...

Auch hiervon gibt es keine Ausnahme, auch nicht im Notfall!

Was darf der Funkamateur im Notfall?

Die Antwort auf diese Frage finden wir im § 5 Abs. 5 AFuG.

(5) Der Funkamateur darf nur mit anderen Amateurfunkstellen Funkverkehr abwickeln. Der Funkamateur darf Nachrichten, die nicht den Amateurfunkdienst betreffen, für und an Dritte nicht übermitteln. Satz 2 gilt nicht in Not- und Katastrophenfällen.

  • Grundsätzlich darf der Funkamateur nur mit anderen Amateurfunkstellen Funkverkehr abwickeln.
  • In Not- und Katastrophenfällen darf er auch Nachrichten für und an Dritte außerhalb des Amateurfunkdienstes übermitteln.

Auch hiervon gibt es keine Ausnahme, auch nicht im Notfall!

Warum die Funkamateure nur untereinander kommunizieren dürfen, verdanken sie zum großen Teil der Titanic Katastrophe 1902 die dazu führte, dass es 1912 zur Einberufung des International Radio Meeting in London kam und die damaligen Amateure mit strengen Auflagen bedacht wurden. Der im Bereich der sich entwickelnden Funktechnik entstandene Wildwuchs war ganz offensichtlich nur noch durch internationale Vereinbarungen zu begrenzen. Für die Amateure in den USA führte das zu wesentlichen Einschränkungen. DL4NO hat diese Entwicklung sehr schön auf seiner Webseite beschrieben.

Inwieweit ist "Notfunk" verbindlich?

Dazu schauen wir in die Studie (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) über die Auswirkungen eines länger anhaltenden Stromausfalls in Deutschland. Auf den Amateurfunkdienst wird in der Studie auf den Seiten 27, 74 und 229 eingegangen.

Hier kommt man zu der Erkenntnis, dass der Amateurfunk in Notsituationen, wie einem länger anhaltenden Stromausfall, durchaus zum Einsatz kommen könnte (Seite 27).

Zitat

Weitere Optionen bei einem Stromausfall sind die Errichtung provisorischer Feldkabelnetze, die Unterstützung durch Funkamateure gemäß § 2 Abs. 2 Amateurfunkgesetz sowie der Rückgriff auf Satellitenkommunikation. Die Kommunikation mittels Feldkabeln erfolgt mithilfe mobiler Stromerzeuger, die nach kurzer Zeit mit Treibstoff versorgt werden müssen. Dagegen sind die energietechnischen Anforderungen an Amateurfunkgeräte sehr gering.

Zitat Ende

Sehr wichtig ist meiner Meinung nach auch die rechtliche Betrachtung. Dort wird auf Seite 74 ausgeführt:

Zitat

Erwähnenswert ist des Weiteren noch das Gesetz über den Amateurfunk (AFuG), das in § 2 als Amateurfunkdienst einen Funkdienst definiert, der u. a. zur Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen wahrgenommen werden kann. § 5 sieht für den Not- und Katastrophenfall ausdrücklich eine Ausnahme für das Verbot der Übermittlung von Nachrichten an Dritte (nicht Funkamateure) vor. Eine staatliche Inanspruchnahme des Amateurfunks im Krisenfall lässt sich daraus nicht ableiten, eventuell könnte die allgemeinere Norm des § 323c Strafgesetzbuch (Unterlassene Hilfeleistung) in diesen Fällen greifen und eine Pflicht des Funkamateurs zur kommunikativen Hilfe im Katastrophenfall begründen.

Zitat Ende

Können Funkamateure zur Teilnahme am "Notfunk" verpflichtet werden?

Die Verpflichtung für Funkamateure im Notfall kommunikativ zu helfen ergibt sich somit ausdrücklich nicht aus dem Amateurfunkgesetz, sondern (wenn überhaupt) aus dem Strafgesetzbuch (§ 323c StGB, Unterlassene Hilfeleistung). Das Amateurfunkgesetz erlaubt dem Funkamateur in Not- und Katastrophenfällen lediglich nur die Übermittlung von Nachrichten von und an Dritte! Das kann auch ein ganz normaler Autounfall sein und bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf Katastrophenfälle.

Was dürfen Funkamateure im Not- und Katastrophenfall (relevante Passagen im AFuG und der AFuV)?

§2 AFUg, Begriffsbestimmungen

  • Der Amateurfunkdienst ist ein Funkdienst, der von Funkamateuren untereinander, ... zur Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen wahrgenommen wird;
  • Der Amateurfunkdienst und der Amateurfunkdienst über Satelliten sind keine Sicherheitsfunkdienste

§5 AFuG, Rechte und Pflichten des Funkamateurs

  • Der Funkamateur darf nur ein ihm von der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen zugeteiltes Rufzeichen benutzen.
  • Der Funkamateur darf mit seiner Amateurfunkstelle nur auf den in § 3 Abs. 5 genannten Frequenzen senden.
  • Der Funkamateur darf nur mit anderen Amateurfunkstellen Funkverkehr abwickeln.
  • Der Funkamateur darf Nachrichten, die nicht den Amateurfunkdienst betreffen, für und an Dritte nicht übermitteln. Dieser Satz gilt nicht in Not- und Katastrophenfällen. (Verbot mit Erlaubnisvorbehalt)

§16 AFuV, Technische und betriebliche Rahmenbedingungen für Amateurfunkstellen

  • Der Amateurfunkverkehr ist in offener Sprache abzuwickeln.
  • Amateurfunkverkehr darf nicht zur Verschleierung des Inhalts verschlüsselt werden;
  • Der Gebrauch internationaler Not-, Dringlichkeits- und Sicherheitszeichen des See- und Flugfunkdienstes ist nicht zulässig.

Situation im Bundesland Hessen

Anfrage zur Kooperation zwischen Katastrophenschutzbehörden des Landes Hessen und den hessischen Funkamateuren des DARC e.V.

Das hessische Notfunkreferat hat sich mit einer Eingabe an das "Hessische Ministerium des Inneren und Sport" (HMdIS) gewandt, um die Kooperation zwischen den Funkamateuren des DARC e.V. im Distrikt-F und den zuständigen Behörden in einem Katastrophenfall in Hessen anzusprechen.

Die Anfrage wurde am 24.07.2013 an die zuständige Stelle des HMdIS gerichtet und in der Folgezeit auch auf die im Saarland getroffene Vereinbarung zwischen den dortigen Behörden mit dem DARC e. V. hingewiesen. Im Januar 2015 erfolgte die letzte Erinnerung.

Eine Antwort aus dem Ministerium erging an das Notfunkreferat des Distriktes Hessen am 02. April 2015. Das HMdIS sieht in dem Schreiben keinerlei Handlungsbedarf bzgl. einer Regelung oder Vereinbarung der Zusammenarbeit zwischen den hessischen Landesstellen für den Katastrophenschutz und BOS und den Funkamateuren des DARC e.V.. Auch werden in dem Schreiben Bedenken zur Vertraulichkeit von Informationen, Abhörsicherheit und Datenschutz etc. in der Zusammenarbeit mit Funkamateuren geäußert.

Eine beabsichtigte Kooperation mit Stellen des Katastrophenschutzes des Landes Hessen ist somit nicht gegeben. Jedoch ist in der Antwort des HMdIS auch erwähnt, dass eine evtl. Zusammenarbeit von Funkamateuren auf kommunaler Ebene mit den unteren Katastrophenschutzbehörden der Landkreise und kreisfreien Städte je nach Möglichkeiten der Fall sein kann. Hier dienen in erster Linie die Kontakte der Notfunkansprechpartner in den hessischen Ortsverbänden für eine Kooperation.

16.04.2015

Quelle: https://www.darc.de/der-club/distrikte/f/notfunk-in-hessen/notfunk-in-hessen/ (Abrufdatum 20.11.2021, öffentliche Information)

Rahmenempfehlung Land Hessen

In der aktuellen Rahmenempfehlung zur Einsatzplanung des Brand- und Katastrophenschutzes bei flächendeckendem, langandauerndem Stromausfall des Landes Hessen ist unter 2.1.4 Behördenfunk und Behördennetze vermerkt (Seite 21):

Neben dem BOS-Funksystem gibt es einige Amateurfunknetze, die teilweise aufgrund ihrer Sicherung auch bei Stromausfall noch verfügbar sein können.

Auch hieraus ergibt sich meiner Meinung nach keine Pflicht zur Bereitstellung und den Betrieb im Notfall sondern lediglich eine Möglichkeit für den absoluten Ausnahmefall. Auf diesen "Amateurfunknetzen" sollte unser Augenmerk für den Notfall liegen ohne übertriebene Erwartungshaltungen zu erzeugen. Wir sind Amateure und sollten uns als Personen und unsere Leistungsfähigkeit nicht selbst überschätzen.

Hier könnte ein erster Ansatzpunkt sein:

  • Welche Netze betreiben die Funkamateure überhaupt? (AdHoc-Net, Mesh-Net, HamNet, AREDN, usw.)
  • Sind diese Netze länger als 4 Stunden autark mit Strom versorgt? (USV, Solar, Wind, Generator usw.)
  • Welche Dienste bieten diese Netze an? (Daten, Voice usw.)

Sichtweise der AG KRITIS

Auch die AG Kritis hat sich diesbezüglich ein eigenes Urteil gebildet und kommt zu dem Schluss:

Kommunikation durch Funkamateure:

Funkamateure verfügen über Möglichkeiten zur autarken Kommunikation, u. a. über Kurzwelle, eigene digitale Funknetze und über Satellit.

Allerdings verfügen Funkamateure aktuell nicht über Möglichkeiten zur automatischen Vermittlung von mehreren parallelen Sprach- oder Datenverbindungen, wie es beim Ausfall von BOSnet-Basisstationen erforderlich wäre.

Nach Auskunft der einsatzleitenden Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier waren im Ahrtal keine konkreten Hilfsangebote zur Kommunikations-Unterstützung durch Funkamateure eingegangen [70].

Unsere Einschätzung:

  • Konkrete Kommunikations-Unterstützung durch Funkamateure als Ersatz für ausgefallene BOSnet Basisstationen war bislang nicht möglich.
  • Funkamateuren müssten vorab in die Kommunikationsabläufe der Hilfsorganisationen eingebunden werden und es bedarf regelmäßiger Schulungen und Übungen.
  • Es könnten nur einzelne Sprechfunk- oder Datenverbindungen mit niedriger Übertragungsrate zu abgeschnittenen Regionen eingerichtet werden.
  • Kommunikation durch Funkamateure ist keine praktikable Notlösung bei Ausfall des BOSnet.

Quelle: https://ag.kritis.info/2022/02/15/und-wenn-der-digitale-behoerdenfunk-doch-ausfaellt/

Selbstschutz & eigene Notfallvorsorge

Wozu Selbstschutz und Selbstvorsorge?

Schauen wir mal in eine Handlungsempfehlung (Baden-Württemberg) z.B. bei lang anhaltenden Stromausfall. Dort finden wir unter Punkt 3.3:

3.3 Bevölkerung / Betriebe

Bei einem lang anhaltenden und flächendeckenden Stromausfall kann aufgrund der enormen Anforderungen und der nur begrenzt vorhandenen personellen und materiellen Ressourcen keine umfassende staatliche Fürsorge betrieben werden. Deshalb müssen sich sowohl die Bevölkerung als auch Betriebe eigenverantwortlich auf derartige Ereignisse vorbereiten.

Quelle: Handlungsempfehlungen zur Vorbereitung auf einen flächendeckenden und lang anhaltenden Stromausfall, Stand: 01.04.2014, Urheberrechte: © 2014 Regierungspräsidium Karlsruhe.

Auch das BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) rät zur eigenen Vorsorge.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat für diese Szenarien Ratgeber und Checklisten erstellt. Die Broschüre „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ wurde vom BBK veröffentlicht und steht kostenlos zur Verfügung. Über das Internet kann diese Broschüre eingesehen, als PDF-Dokument heruntergeladen und als gedruckte Broschüre bestellt werden.

Quelle: http://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/VorsorgefuerdenKat-fall/VorsorgefuerdenKat-fall.html (BKK Bund)

Auch in der Rahmenempfehlung zur Einsatzplanung des Brand- und Katastrophenschutzes bei flächendeckendem, lang andauerndem Stromausfall des Landes Hessen lesen wir:

3 Selbstschutz

Trotz aller Vorbereitungen der Behörden und Hilfeleistungsorganisationen, trotz guter Ressourcenausstattung und Vorsorgeplanung können sich auch hierzulande Großschadensereignisse und Katastrophen ereignen, bei der die Mithilfe der Bevölkerung in Form adäquaten Verhaltens und die Eigenverantwortung des Bürgers in Form von Selbstschutz und Selbsthilfe zwingend gefordert sind.

Quelle: Rahmenempfehlung zur Einsatzplanung des Brand- und Katastrophenschutzes bei flächendeckendem, lang andauerndem Stromausfall. (HMdIS)

Selbstschutz und Notfallvorsorge

Notfallwarnungen

Beim Thema Notfallvorsorge sollten die folgenden Themengebiete unbedingt auch ausreichende Beachtung finden, ein kleiner Vorrat im Keller schadet nie!

1. Wasserversorgung (Trinkwasser mit Kohlensäure in Flaschen, mindestens 40 Liter pro Person und Woche)
2. Lebensmittel (Alles, was sich lange und ohne Kühlung aufbewahren lässt, Konserven, Trockenkekse z.B.)
3. Hygiene (Chemie-Toilette, Verschließbarer Eimer, Feuchttücher, Seife, usw.)
4. Hausapotheke (Entkeimungstabletten für Wasser, Aspirin, Notfallmedikamente, usw.)
5. Sicherheit (Waffen, Messer, usw.)
6. Licht und Energie (Akkus, Solar Ladegeräte, Generator, Sinus Inverter, usw.)
7. Mobilität (Benzin, Fahrrad, usw.)
8. Zahlungsmittel (Bargeld)
9. Werkzeuge (Axt, Säge, Streichhölzer, Kerzen, Multifunktionswerkzeug, usw.)
10. Kommunikation (Notfunk, Amateurfunk, PMR, CB, Freenet usw.)

Stromausfall

Pro Jahr gibt es in Deutschland ca. 172600 Stromunterbrechungen unterschiedlicher Dauer (Quelle). Das sind gut 472 Unterbrechungen am Tag! Das hätte ich nicht gedacht, vorausgesetzt diese Werte stimmen. Aber was bedeutet das eigentlich, wie oft ist der Strom denn nun weg?

Wenn man nach "durchschnittliche Stromausfalldauer 2016" sucht findet man die folgende Grafik.

Bildquelle: www.industr.com

Was bedeutet das was man da sieht. Da steht, durchschnittliche Stromunterbrechungsdauer pro Kunde im Fünfjahresvergleich, ohne Fälle höherer Gewalt.

Ich interpretiere mal so. Wenn der Strom bei einem Stromkunde ausfällt, und das passiert (angeblich) 472 mal pro Tag in Deutschland, dann hat jeder Stromausfall eine durchschnittliche Ausfallzeit von 11,5 Minuten. In der Statistik ausgenommen sind Ausfälle durch höhere Gewalt (Sturm, Schnee, Eis, Blitz, usw.). Pro Fall und Tag sind das im Durchschnitt 11,5 Minuten x 472 Fälle = 5428 Minuten (90,5 Stunden in Summe) verteilt auf eine unbekannte Anzahl von Kunden.

Netzfrequenz

Die Netzfrequenz und deren Abweichung vom Nennwert (50 Hertz in Europa) ist ein direkter Qualitätsindikator über die Relation der über Erzeuger wie Kraftwerke angebotenen elektrischen Momentanleistung und der Abnahme der elektrischen Momentanleistung durch Verbraucher. Elektrische Energie kann in Verbundnetzen kaum gespeichert, sondern nur zwischen Erzeuger und Verbraucher verteilt werden. Der abgegebenen Leistung muss, bis auf die Blindleistung bei Wechselstrom, zu jedem Zeitpunkt eine gleich große Leistungsaufnahme gegenüberstehen.

Kommt es zu Abweichungen, führt das in Wechselspannungsnetzen zu einer Veränderung der Netzfrequenz und zu massiven Problemen (positive und negative Regelleistung) bis hin zum Blackout. Ein Forschungsteam der UNI Passau hat sich eingehend mit dem Szenario des "Blackouts" beschäftigt und kommt zu dem Ergebnis, dass "die Gefahr durchaus als realistisch" eingestuft werden kann.

Durchschnittliche Unterbrechungsdauer in Minuten

Fazit ("Notfunk")

Das Ahrtal hat es gezeigt, dass hinsichtlich möglicher Notfallszenarien (großflächige Überschwemmung, schwerer Sturm usw.), insgesamt doch ein realistisches Risiko besteht, auch wenn man das nicht immer vorhersehen kann. Ein länger anhaltender Stromausfall mit all seinen Begleiterscheinungen aber auch ein globales Großereignis (Vulkanausbruch, Havarie im Atomkraftwerk, Chemieunfall, Meteoriteneinschlag usw.) könnte die Bevölkerung auch empfindlich treffen. Im Hinblick auf die fortschreitende Klimaerwärmung sind durchaus noch andere Situationen denkbar.

Es macht durchaus Sinn, einen ausreichenden Vorrat von Lebensmitteln und Notfallutensilien im Haus zu haben, so wie das BKK das auch empfiehlt. Das kostet nicht die Welt und ist auch außerhalb von Notfällen immer gut zu gebrauchen. Eine autarke Stromversorgung für die eigenen vier Wände kann auch sinnvoll sein, man denke nur an einen Stromausfall im Winter.

"Notfunk" bedeutet für mich deshalb in aller erster Linie Selbstschutz, Notfallvorsorge und Kommunikationsmöglichkeit im wie auch immer gearteten Notfall und dann erst "Notfunkstelle" für Dritte, sofern diese Art der Hilfe überhaupt benötigt und von wem auch immer, abgerufen wird. Der Notfall richtet sich nunmal nicht nach den theoretischen Konzepten. Die Aktivitäten müssen sich auch unbedingt an den Bedürfnissen der Bevölkerung im Notfall ausrichten und nicht an den Bedürfnissen der Funkamateure.

Wenn die Hilfsorganisationen (THW, RK, Feuerwehr usw.) nicht mehr in der Lage sind im Notfall zu unterstützen und auf Funkamateure als Rückfallebene zurückgegriffen werden muss, dann hat die Notsituation sicher ein Ausmaß angenommen, in der ich als Privatperson und Funkamateur vermutlich auch nicht mehr viel bewirken kann. Man sollte seine persönlichen Möglichkeiten diesbezüglich auch nicht überschätzen!

Die Funkamateure sollten nicht den Fehler machen zu versuchen, sich allein oder in Gruppen auf die Stufe der hier tätigen Hilfsorganisationen, wie THW, DRK oder Feuerwehr zu stellen. Das können sie nicht, dazu sind sie weder personell ausgerüstet noch organisiert. In Krisensituationen können wir, wenn überhaupt, unterstützend tätig sein, insbesondere im Bereich der eigenen Kommunikation aber auch im Bereich der technischen Unterstützung. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn der Funkamateur in der Lage ist, sich und seine Familie ausreichend mit Lebens- und Betriebsmitteln zu versorgen, sonst ist er nicht einsatzfähig. Von den Hilfsorganisationen wird vermutlich niemand kommen um mich oder meine Familie mit Lebens- und/oder Betriebsmitteln zu versorgen. Von rechtlichen, versicherungstechnischen und sonstigen Dingen mal ganz abgesehen.

Ich bewundere die Funkamateure, die wie auch immer geartete Geräte für den Notfall entwickeln und selbst bauen. Das fängt beim klassischen "Notfunkkoffer" an und hört bei komplett für den Notfall ausgestatten Fahrzeugen inkl. Anhänger, Stromaggregat und motorbetriebenen Antennenmast auf. Dabei ist die hin und wieder festzustellende Übermotivation einiger Einzelpersonen aber auch selbst ernannter Notfunk-Gruppierungen schon etwas besorgniserregend. Solche Gruppierungen und Konstruktionen erzeugen ganz sicher enormes Aufsehen am Ort des Einsatzes, erzeugen aber auch unweigerlich eine völlig realitätsferne Erwartungshaltung, insbesondere in der Öffentlichkeit und der Politik. Ob das zielführend ist?

Die Gemeinschaft der Funkamateure aus eigener Initiative auf die gleiche Stufe wie die Hilfsorganisationen stellen zu wollen, erzeugt falsche Erwartungshaltungen in der Politik sowie der Öffentlichkeit und ist zudem unrealistisch! Das wir die technischen und intellektuellen Möglichkeiten für den "Notfunk" haben steht außer Frage. Wie sieht es aber mit den personellen Mitteln aus? Können wir das wirklich leisten?

Das Thema "Amateurfunk in Not- und Katatstrophenfällen" (AiNuK) an sich ist sicher eine gute Sache, muss aber realistisch gesehen und entsprechend behandelt werden.